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Bevor ich versuche zu beschreiben, wie es hier auf der Frühchenintensiv so ist und was wir hier machen, möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen.

Ein alter Mann geht bei Ebbe am Strand spazieren, als er einen kleinen Jungen sieht. Er beobachtet ihn dabei, wie er Seesterne vom Strand aufsammelt und sie zurück ins Wasser wirft. Der Mann geht zu dem kleinen Jungen und sagt zu ihm: „Hey, was du da machst ist sinnlos. Der ganze Strand ist voll mit Seesternen, was du da machst, ändert gar nichts.“Doch der kleine Junge erwidert während er einen kleinen Seestern zurück ins Wasser bringt: „Für diesen hier wird es etwas ändern.“.

Oft muss ich bei der Arbeit im Krankenhaus an diese Geschichte denken, denn in der Klinik ist es oft genau so wie an diesem Strand. Bei der Arbeit schaue ich meistens durch die Augen des kleinen Jungen, manchmal aber auch durch die des alten Mannes.

Vor allem, wenn ich morgens zur Arbeit komme, frage ich mich auch nach 2 Monaten immer wieder, wo ich anfangen soll und ob es Sinn macht anzufangen, wenn man nur so wenig tun kann, und so viel nötig wäre; wenn man nur so wenigen helfen kann und es doch so viele Frühchen hier gibt. Und gleichzeitig merke ich immer wieder neu und von Tag zu Tag mehr, wie wichtig es ist das wir hier sind und genau das machen, was wir machen.

Ich stehe in der Tür zu einem Zimmer 5, schaue in einen Raum mit 12 Inkubatoren und Babybettchen, darin liegen insgesamt 20 ganz winzige, kleine und auch normal-große zu früh geborene Babys. Ich sehe grelles Licht, höre Alarme von den vielen Geräten, sehe Schwestern beschäftigt arbeiten und höre lautes und fast stummes Schreien aus allen Ecken.

Zimmer 5 ist nur eins von 7 Zimmern auf der Frühchenintensivstation. Dort arbeite ich mit Maria zusammen. In diesem Zimmer sind nicht die Allerkleinsten und Schwächsten und keine Kinder mit Infektionen, sonst sind jedoch Babys mit ganz vielen verschiedenen Krankheitsbildern, gerade neu geborene und Babys, die schon mehrere Monate da sind, beatmete und nicht beatmete, fitte und sehr schwache Frühchen in allen Größen. Insgesamt sind auf der Station je nach dem zwischen 100 und 150 Frühchen zur Behandlung. Die Jüngsten sind in der 28. Schwangerschaftswoche geboren und die Leichtesten wiegen ca. 1000 Gramm.

Viele der Babys teilen sich zu zweit ein Bett, manchmal liegen auch 3 von den ganz kleinen zusammen in einem Bett. Das ist vielleicht eine komische Vorstellung und bei denen, die besonders viel Pflege und Behandlungen brauchen kein guter Zustand. Doch gerade bei denen, die schon etwas größer, wach und relativ fit sind finde ich es mittlerweile oft sogar gut. Ich lege die Kinder so auf die Seiten, dass sie sich anschauen können und so haben sie den ersten Kontakt mit anderen kleinen Menschen und einen „Ansprechpartner“, der länger da ist, als die meisten anderen, die den ganzen Tag so am Bett vorbeikommen. Denn auf der Station ist eine ganz schöne Hektik. Schwestern und Ärzte haben keine Zeit mal bei einem Kind zu bleiben und mehr zu machen als das Nötigste.

Ultraschall -Untersuchungen, Blut abnehmen, Medikamente spritzen, Infusionen anhängen, über eine Magensonde Milch füttern, Wickeln, Wiegen – das muss alles schnell gehen. Da das alles ohne oder mit kaum Körperkontakt mit dem Baby geht, sehen die Kleinen das Personal oft nur vorbei laufen, hören kein persönliches Wort und spüren keine Nähe und Zuwendung.Eltern dürfen nur bei Aufnahme und Entlassung mit in die Zimmer kommen.

In Deutschland habe ich über die Arbeit auf Frühchenstationen immer wieder vom „Känguruhen“ gehört. Eltern, die Ihre Kinder gut eingepackt stundenlang auf der Brust liegen haben. Die vielen positiven Effekte dieses Körperkontakts für Eltern und Kind sind schon lange bewiesen und so ist es ganz normal, dass die Eltern immer da sein dürfen und im besten Falle sogar schon früh mit in die Pflege einbezogen werden. Hier wird kein Kind einfach mal so in den Arm genommen, man sieht kann keinen vorsichtigen und liebevollen Umgang beobachten, es wird gemacht, was gemacht werden muss und für alles andere fehlen Zeit, Wissen und persönliche Motivation der Schwestern. Gestern haben wir uns lange mit Nga (unserer Freundin, die bei der Firma arbeitet medizinische Geräte „Made in Vietnam“ für das Krankenhaus herstellen) unterhalten.

Man kann die Probleme hier wirklich nicht auf eine Ursache beschränken, überall spielt so viel mit rein. Das Personal ist überfordert und das nicht nur mit dem Arbeitspensum, sondern vor allem auch mit der emotionalen Belastung. Die Arbeit auf der Station ist hart und ich bin sehr froh, dass ich die Freiheit habe auch mal raus zu gehen, wenn mir etwas zu viel wird. 8 Stunden am Tag, das ganze Jahr dort zu arbeiten ist schon alleine wegen dem ständigen Lärm, dem grellen Licht und der warmen, schlechten Luft eine unglaubliche körperliche Belastung, dazu dann noch die vielen Schicksale dieser kranken Babys. Da ist es nur menschlich wenn man irgendwann emotional etwas distanzierter an die Sachen geht und auch etwas abstumpft. Lange halten es wohl nur wenige Schwestern dort aus und so ist das nächste Problem, dass das Personal viel zu häufig wechselt. Es gibt also nur ganz wenig wirklich erfahrene Schwestern, dafür ganz viele, die gleich nach der Ausbildung direkt von der Schule kommen. Verschiedene Vereine spenden Geld und medizinische Geräte und so existiert auf der Station eine große Sammlung verschiedener Geräte und kaum einer kennt sich mit den einzelnen Sachen so wirklich aus.

Neben Personal und Zeit fehlt es hier auch noch an so viele Dingen der Grundausstattung. Ich weiß, man kann es sich echt schwer nur vorstellen, aber es gibt auf der ganzen Station keine Babypflegeprodukte – keine Feuchttücher, keine Creme, kein Babypuder. Wenn Wickelzeit ist, steht in der Mitte des Raumes eine große Schüssel mit warmem Wasser, einigen Lappen und wenn davon gerade nicht genug da sind, sind auch Hemdchen oder Mützen drin und dann werden alle Kinder gewickelt. Danach werden sie wieder in ihr Nest gelegt, Handtuch drüber, fertig. Das war an meinem ersten Tag echt ein Schock, aber auch wenn ich es damals nicht gedacht hätte, an manches gewöhnt man sich irgendwie doch, so schlimm es ist, denn auch wenn wir mittlerweile selbst Sachen kaufen und mitbringen, wird es wenn wir weg sind wieder genauso sein. Soviel erst mal zu den Zuständen hier, ich glaube das war genug um sich vorzustellen, das die Bedingungen hier echt schlecht sind und kein Vergleich mit deutschen Krankenhäusern.

 Auch die Arbeit hier ist gar nicht mit irgendetwas zu vergleichen, was ich bisher gemacht habe. Es ist Ergotherapie im weitesten Sinne, der Versuch bei der Pflegearbeit, die wir den Schwestern abnehmen können mit mehr Zeit und Ruhe, den Kleinen etwas mehr gerecht zu werden und dann das zumindest zu Teil zu übernehmen, was bei uns die Eltern machen würden. Unsere Aufgaben sind also allen Pflege-Arbeiten der Schwestern, Wickeln, Füttern, sauber machen, Umziehen, unsere zwei „Ergo-Projekte“ - Lagern und Trink-Training und dann ganz viel Babys beruhigen, trösten, auf den Arm nehmen, winzige Händchen halten, in den Schlaf schaukeln - einfach lieb haben und da sein, so banal das klingt.

Die Kinder werden hier grundsätzlich alle auf dem Rücken gelagert und das ist aus verschiedenen Gründen nicht gut. Vor allem die Kleinen, die Probleme mit der Lunge haben profitieren davon, regelmäßig auf die rechte und linke Seite und auch auf den Bauch gelegt zu werden. Aber auch für die Wahrnehmung der Umgebung und die Entwicklung der Bewegungen ist das sehr wichtig. Zum Beispiel weiß ein Kind, dass den ganzen Tag an die Decke schaut und so gut eingepackt ist, dass es kaum strampeln kann, ja gar nicht was es rechts und links von ihm noch so spannendes zu entdecken gibt und fängt nicht an den Kopf zu drehen.

Dieser ganz kleine Junge wiegt 1,4 kg und ist schon einige Zeit hier. Er hat die Augen verbunden weil er eine Phototherapie bekommt, da seine kleine Leber noch nicht voll arbeitet. Er ist ein ziemlich aufgeweckter Kerl der mit deinen kleinen Beinen auf meinem Schoß schon ganz schön viel rumstrampelt und sich interessiert seine Umgebung anschaut. Müde von all dem was er heute schon wieder geschafft hat ist er gerade eingeschlafen.

Beim Lagern waren wir vor allem am Anfang oft frustriert, weil die Schwestern die Babys, kaum lagen die sie ruhig und friedlich auf dem Bauch oder der Seite, wieder zurück auf den Rücken gedreht haben. Manchmal war es echt ein ständiges hin-und-her und da kaum eine der Schwestern überhaupt ein bisschen englisch spricht, konnten mussten wir oft zuschauen und hatten das Gefühl, dass sich überhaupt nichts ändert. In den letzten Wochen tut sich allerdings fast von Tag zu Tag mehr und wir freuen uns sehr, dass das Personal immer interessierter sind und mit uns zusammen die Kinder immer wieder mal anders hinlegen.

Seit ich nach meinem Urlaub wieder hier bin, haben wir damit angefangen einzelne Babys mit der Flasche zu füttern. Denn sonst werden alle auf dieser Station über einen kleinen Schlauch mit der Spritze gefüttert, der die Milch direkt in den Magen „pumpt“. Beim Flaschen-Füttern kam es mit der Kooperation der Schwestern ganz anders als beim Lagern und diese Woche ist für mich persönlich das Highlight der Zeit hier „passiert“.
Ich habe 2 Flaschen (aus Deutschland) mit auf die Station genommen, aber
es war an dem Tag keine Zeit ein Kind zu füttern. Bei Feierabend habe ich vergessen sie wieder einzupacken. Ich habe am nächsten Tag gar nicht erwartet, dass sie überhaupt noch da sind und als ich ins Zimmer kam habe
ich gleich im ersten Bett neben der Tür dieses Bild gesehen:

Einer von den fittesten Jungen lag auf dem Bauch in seinem Bett und neben
ihm stand eine volle Flasche mit Milch. Als ich am Tag zuvor heimgegangen
bin lag er noch auf dem Rücken und hatte eine Magensonde über die er gefüttert wurde. Die Schwestern haben „einfach so“ angefangen, dieses Baby mit der Flasche zu füttern, die noch nicht mal an seinem Bett gestanden hatte. Sie waren alle so begeistert davon, dass jeder diesen Jungen auf den Arm nehmen wollte und füttern wollte und so hat er den ganzen Tag über, in kleinen Portionen, so wie er halt Durst hatte, Milch bekommen, ganz alleine getrunken und hat dabei sogar noch ne riesige Portion Kuscheln abbekommen. Sogar die Putzfrau hat ihn einfach mal so raus genommen und gefüttert, als er Hunger hatte.

Ich bin so froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die Flasche wieder mitzunehmen und dass sie so im richtigen Moment die richtige Schwester gefunden hat und dadurch für diesen kleinen „Seestern“ etwas geändert hat.

So, jetzt komme ich aber mal zu einem Schluss, ich könnte noch so viel schreiben, aber ich hoffe, ich konnte euch hiermit einen kleinen Einblick in die Situation hier und eine Idee von meiner Arbeit hier geben. Wenn ihr noch Nach-Fragen habt, jederzeit sehr gerne!

Ganz viele Grüße aus Hanoi,

Meike